Geduld und das Nutzen von Zeit

Geduld und das Nutzen von Zeit

Der von mir sehr geschätzte Sir Alec hat sich gewünscht, dass man schneller warten könne...

Ich kommentierte hierauf wie folgt:

Schön, dass Du wieder schreibst, lieber Sir! Aber aus eigener aktueller Erfahrung muss ich sagen: habe ich mir am Anfang gewünscht schneller warten zu können, nutze ich jetzt die “Verdammung” zur Langsamkeit und Geduld … Man entdeckt ganz neue Seiten an sich …

Sir Alec wollte, dass ich das näher ausführe… Ich werde es mal versuchen…
Ich würde von mir sagen, dass ich keine Geduld habe… Ich warte ungern auf irgendwen oder irgendetwas… Ich werde dann gerne, wie wir hier sagen, hibbelisch… Gerne habe ich in der Vergangenheit auch aus Mangel an Geduld auch mal Impulsiv Beziehungen, Freundschaften oder ähnliches beendet… Ich wollte nicht warten… Auf nichts und niemand…

Ich schleppe ständig meinen Kindle mit mir rum, früher musste ich immer ein Buch dabei haben – ich könnte ja irgendwo gezwungen werden zu warten. Meine Uhr ist 5 Minuten vorgestellt, alle Uhren… Außer meinem Funkuhrwecker… Ich möchte nicht zu spät kommen und andere warten lassen. Ich hasse Unpünktlichkeit…

Ich kann allerdings auch wunderbar einfach rumsitzen, im Urlaub, im Café, Leute gucken…

Viele Situationen mit meinen Männern sind kompliziert, weil ich ungeduldig bin… Dinge überstürzte, damit sie schneller passieren… Es zieht sich quasi wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich konnte z.B. auch noch nie wirklich gut auf „etwas sparen“ … Das bedeutet Warten… Bin ich nicht gut drin…

Dachte ich….

Dank meines kleinen Missgeschickes im Februar (4,5 lange Wochen ist das schon her) musste ich lernen, geduldig zu sein. Ich musste und muss meinem Körper die Zeit geben, die er braucht. Ich habe keine Wahl, die Nachwirkungen von überstürztem Handeln sind so doof und gravierend und auch schmerzhaft, das habe ich nach 2-3 Versuchen dann eingesehen. Also – nicht arbeiten gehen, nicht sporteln, keinen Sex…. Viel, viiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiel Zeit um Nachzudenken, mich mit mir zu beschäftigen… Mich verstehen und verstehen, warum ich wie in welchen Situation reagiert habe… Zeit ist etwas, was ich nun in rauhen Mengen habe… und siehe da: Ich bin sehr geduldig…

Beim Arzt schaue ich nicht mehr wie früher alle 5 Minuten auf die Uhr, empöre mich innerlich, warum die eigentlich Termine vergeben, wenn ich dann doch eine Stunde warten muss …. Nein, ich sitze da und lese… Schaue mir die anderen Menschen an, überlege mir, ob es unbequemer ist etwas am Fuss zu haben oder am Arm (Ich finde Fuss!), frage mich wie mein Gegenüber wohl lebt… manchmal auch wie er wohl liebt…. Und schwupps, werde ich aufgerufen und bin schon fast ein wenig empört – war doch gerade so toll..

Ich bin unheimlich flexibel geworden… Ich habe ja Zeit… Und mache alles mit, Hauptsache es passiert was… 5 Minuten zu spät – ist doch egal, stress‘ Dich nicht – ich habe Zeit!

Fakt ist, manches Warten kann man einfach nicht ändern, es geht nicht schneller, wenn man sich ärgert und manchmal wäre es auch schade, wenn es schneller geht. Konkretes Beispiel: Ich warte auf die Entscheidung eines Mannes… Der hat sich Zeit ausgebeten, weil Stress auf Arbeit, Stress mit Frauen, generell Stress.. Tja, nun… ich habe Zeit… Und wenn er meint, er braucht noch welche, dann kann er die haben. Dass jeder Tag der verstreicht, gegen ihn verstreicht, weil das Interesse abebbt… Nun – das müssen Männer (die, die ich kenne zumindest) noch verstehen… Das größte Sexualorgan ist der Kopf… Wird der nicht bedient, sinkt mein Interesse. Und ich habe viiiiiel Zeit mit mich anderen Menschen zu beschäftigen. Wo ich früher vielleicht auch die falschen Prioritäten gesetzt habe, weil ich aus Zeitmangel nicht allen gerecht werden kann, kann ich das in vollsten Zügen tun …. Weil ich darauf warte, dass mein Leben, wie ich es kannte, weitergeht…

Aber halt: Will ich das überhaupt?
Ich war immer der vollsten Überzeugung, dass nur ein voller Terminkalender ein guter Terminkalender ist… Ich habe richtiggehend einen Kick bekommen, wenn ich sagen konnte, dass mein nächstes freies Wochenende erst in 6 Wochen ist …. Weil ich nicht wusste, wie ich Frei-Zeit sinnvoll für mich nutzen kann … und ich meine das nicht mit Aktivitäten mit anderen Menschen – sondern mit mir! Klar, ich habe immer gerne gelesen und ich lunger auch einfach mal so rum…. aber ich konnte das nie wertschätzen… Weil es eigentlich nur dem galt, die Zeit zu überbrücken, bis der nächste Event anstand.

Nun, ich möchte nicht mehr schneller warten können. Ich weiss diese Zeit mittlerweile zu nutzen. Es gibt immer irgenwas, über das ich Nachdenken möchte… Oder zu dem mich mein Gegenüber in der U-Bahn inspiriert… Ein dickes „Ja“ zur Entschleunigung… Ein „Ja“ zum „Lass mal dein Smartphone in der U-Bahn in der Tasche und schau hoch, schau Dich um, nimm wahr….“

Deswegen, lieber Sir Alec, möchte ich nicht schneller warten können – die Zeit, unser Leben geht so schnell vorbei (ist schon wieder fast Ostern, verdammt noch mal)… Nutz‘ die kleinen Pausen , die Warten Dir schenkt… 😉

12 Gedanken zu “Geduld und das Nutzen von Zeit

  1. Ich finde auch Fuss ist schlimmer! 😉 Ich denke, es ist auch eine Kultursache. Wenn ich in Italien dränge, dann werde ich angeguckt, als hätte ich ein schwerwiegendes, psychisches Problem. Warum drängen? Erst einmal Kaffee trinken. Soviel Zeit ist IMMER!

  2. Sehr schön. Hibbelisch ist so ein schönes Wort. Für Deine Erkenntnis bzgl Geduld geben andere ein Vermögen aus bzw brauchen ein ganzes Leben um es zu erkennen, wenn überhaupt. Du hast noch mehr als die Hälfte vor Dir.

  3. irgendwo hab ich mal ein zitat gelesen, das in etwa so lautet:
    das gras wächst nicht schneller, indem du daran ziehst
    wenn man sich die zeit nimmt und zeit lässt, die alles braucht, ist man viel, viel pünktlicher und zum „richtigen“ zeitpunkt da. und gut fühlt es sich auch noch an…
    drück dich für diese erfahrungen, freu mich mit dir
    TIPP: einfach mal eine CD Amália Rodrigues oder von Christina Branco einlegen …

      1. *lach*
        Musste ja – aber es stimmt tatsächlich. Wenn ich an früher zurückdenke und an jetzt… Ich kanns mittlerweile genießen einfach mal nichts zu machen und die Seele baumeln zu lassen und nicht schon an das nächste was ich tun werde zu denken oder daran was noch alles zu machen ist oder einfach mal alles ein bisschen langsamer angehen (und das auch ohne gefesselt in der Ecke zu liegen). 😉

  4. Mein schönstes Zeiterlebnis als typischerMitteleuropäer war meine erster Besuch auf dem indischen Subkontinent. Man verabredete sich zur gemeinsamen Museumsbesichtigung. Gleichwohl, wer mußte lernen, beim nächsten Mal zu fragen: European or Oriental time, weil er nicht wieder anderthalb Stunden begeistert den Künsten und Unkünsten der ihn umwogenden Rikschafahrerschar zugucken wollte? 🙂

    Jedenfalls empfinde ich das immer wieder aufs Neue als Entspannung pur, die Zeit einfach mal Zeit lassen zu dürfen … wirklich sehr heilsam das.

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