Transfusion

Transfusion

Ihr ist kalt. Ihre Augen sind geschlossen, aus der Ferne nimmt sie ein Summen war und ein Pochen.
Halt, nein, das Pochen kommt von Innen… Ein beruhigender, langsamer Rhythmus…. Do-Dong, Do-Dong, Do-Dong… ihr Herz…. Schlägt…. Noch. Langsam. Ihr ist kalt.

Sie weiß nicht, wie lange sie geschlafen hat, traumlos. Ihr ist immer noch kalt. Sie versucht die Augen zu öffnen, die Wimpern sind verklebt. Eine Mischung von Mascara, Tränen und Schlafmatzen. Sie möchte reiben, kann jedoch nicht – sie ist fixiert … Von was und wo und wie? Sie weiß es nicht. Mit Zwang und dem Verlust von ein paar Wimpern öffnet sie ihre Augen. Zwinkert, mehrfach, blinkt, die Augen tränen.

Sie schaut an sich runter: Auf einem Stahlstuhl sitzend, Handgelenke und Fußgelenke an den Stuhl gebunden, Schläuche überall. Aus mehreren Stellen ihres Körpers kommen Schläuche raus, durch die eine Flüssigkeit entflieht, tiefrot, warm…. Ihr ist kalt, so kalt.

Sie hebt den Kopf soweit es geht und schaut sich um, rechts und links nur dämmriges Licht, irgendwo flackert etwas… ein Feuer? Sie hört dieses Summen wieder, hört ein Lachen…. Die Schläuche führen abwärts… Sie richtet sich auf und lehnt sich vor… Ihr wird schwindelig… Das „Do-Dong“ wird schneller und ihr schwindelig… Sie macht die Augen zu, ihr ist kalt.

Als sie die Augen wieder öffnet, hat sie Welt aufgehört den Stuhl im Kreis zu drehen. Langsam lehnt sie sich vor und lunst in den Abgrund, warm und hell erleuchtet.
Sieht SIE, prall und rosig, eine Armee von Babies um sie herum, alle freudig die nächste Zitze erhoffend. Um den Sessel stehen Flaschen, Gläser, Tassen… Gefüllt mit roter Milch, voller Lebenskraft, gewürzt mit Liebe und Optimismus. Mama trinkt davon, leckt sich die Lippen, Schmatz, reibt sich das feste Runde Bäuchlein, nimmt sich ein Kind und legt es an. Gierig saugt es, die Extase der Symbiose ist in beiden Gesichtern zu sehen.

Erschöpft lehnt sie sich im Stuhl zurück. Sie versteht nicht. Noch nicht. Ihr ist kalt.

Das Summen, es wird lauter… Das Quieken und Lachen sind einem sanften Schnarchen gewichen. Sie schaut über die Armlehne runter, die Glut taucht alles in warmes, rotes Licht. Sie schaut an ihren Schläuchen hinab, folgt ihnen, sie enden bei ihm. Er sitzt in einem Käfig, das Summen ist die elektrische Spannung, die ihn daran hindert auszubrechen, aufzuhören, ihn zwingen weiterzumachen, keine Pause. Kontinuierlich saugt er die verschiedenen Schläuche an, spuckt das Blut, ihr Blut, in einen großen Topf, rührt um, gibt Gewürze wie Vertrauen, Sicherheit und Zukunft hinzu. Schmeckt ab, rührt um und saugt und spuckt weiter.
Wenn der Topf voll genug ist, füllt er die Suppe des Lebens in Flaschen und Kannen ab, stellt sie auf ein beheiztes Fließband, das direkt zu IHREM Sessel führt.

Ihr ist nicht mehr kalt, die Hitze der Erkenntnis, die Ausweglosigkeit der Situation lässt ihr Blut kochen. Er bemerkt die Temperaturveränderung, schaut hoch, müde Augen treffen sich.

Sie weiß, sie wird sterben – so oder so. Wenigstens einen Versuch wird sie starten, ein letztes Mal kämpfen. Sie dreht und wendet sich, bäumt sich auf. Das Seil schneidet tief in ihr Fleisch, hinterlässt Spuren. Langsam löst sich einer der Schläuche… Mit einem „Plopp“ verlässt er ihren Körper, fällt nach unten, ihr Blut tropft auf die Glut, es zischt. SIE wacht auf, grunzt ihn an, schaut nach oben, schaut ihr in die Augen, zornig funkelnd, hämisch lächelnd. SIE weiß, dass es jetzt nicht mehr lange dauern wird, es wird schneller gehen. Das Letzte Blut ist in Wallung, läuft ihm entgegen, brennt, köchelt, verbrennt ihm den Mund. Er hustet, röchelt, bekommt keine Luft. Sein Gesicht läuft blau an, sie hört ein panisches Grunzen, lautes hilfeschreiendes Quieken. Lehnt sich zurück, der Sog lässt nach. Das Summen wird leiser, das Pochen langsamer.

Ihr ist kalt, sie versteht. Sie macht die Augen zu und ergibt sich der warmen Umarmung des Todes. Warm, endlich warm.

10 Gedanken zu “Transfusion

  1. Hallo Lila,
    ich lese nur schon länger und begeistert deinen Blog. Aber das hier?? Würde ich dich kennen und du wärst eine Freundin von mir, ich würde mir große Sorgen machen, dich in eine warme Decke wickeln, Zimtsternchen anbieten und zuhören. Bist du sicher, dass du einigermaßen ok bist bzw. hast du direkt kurzfristig verfügbare Freunde? Oder ist das hier ein lauter Hilfeschrei?
    sorry wenn ich mich zu weit aus dem Fenster lehne, aber lass uns wissen, wenn wir was tun können bzw. dringrnd müssen, bitte, ja?
    Du bist nie so allein wie du denkst -lg, Lisa

    1. Liebe Lisa, vielen lieben Dank – wirklich 🙂
      Geht es mir gut? Nein, überhaupt garnicht…
      Ist mein Zustand besorgniserregend? Nein, die Massnahmen zur Verbesserung bedürfen Zeit, sind aber bereits eingeleitet.

      Dass der Text anders ist als die vorherigen stimmt… War bewusst so gewählt. Aber er ist auch wie alle meine Texte authentisch „ich“, in genau dem Moment …

      Ich danke Dir für Deine Sorge und das Nachfragen. Es ist schön zu wissen.

      Die Decke liegt bereits um mich rum, die Zimtsterne nehm‘ ich auch gerne 🙂

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