Rinnsal

Rinnsal

Sie sitzt auf dem Boden in einer langsam aber stetig wachsenden Blutlache… Konzentriert betrachtet sie die Ränder, wie diese sich den Weg über ihren Fußboden bahnen … die Ränder und Umrisse ergeben immer neue Formen, ein bißchen wie Wolken gucken … oder der Rorschachtest… Sie gluckst… Die Tintenkleckse fand sie immer gut, das war immer lustig….

Mittlerweile spürt sie die Schnitte nicht mehr, ihre Arme, ihr Torso waren dumpf… Pochend… Langsam setzt ein Kopfrauschen ein…

„Fotos“ denkt sie „Ich wollte doch Fotos machen“ … Sie schaut an sich runter, zu müde um nach ihrer Kamera zu greifen… Zu viel, sie hatte sich zu viel vorgenommen… Aber sie hatte alle Männer geschafft…

Jeder Einzelne der Arschlöcher war auf ihrer Haut verewigt, die Initialen schmückten ihre Arme, den Oberkörper – ihre Brüste hatte sie verschont… die mochte sie immer am liebsten an sich

„The winner takes it all“ summt sie leise vor sich hin als sie mit ihrer Hand über die frischen Schnitte fährt, die Männer ihres Lebens… Angefangen bei ihrem Vater bis zu den letzten Nieten, die sie aus dem Lostopf gezogen hatte… Immer das gleiche Schema, immer der gleiche Ablauf…

Manche würden sie jetzt mitleidig anschauen und sagen „Hast Du doch gewusst, Du wolltest es doch nicht sehen“ – stimmt, gewusst hat sie es immer… Gehofft hat sie auf was anderes…

Es ärgerte sie trotzdem… „Die Männer sind fein raus, die haben alle bekommen, was sie wollten“ denkt sie „jetzt bekommen sie mehr, als sie haben wollten“

Die brave Tochter, die gute Freundin, Hilfe bei dem, Fahrdienste dort, starke Schulter, Bierkumpanin, sexuelle Abenteuer, Geliebte… „Wenn es nicht so erniedrigend wäre, könnte man mich für einen guten Menschen halten“ denkt sie „aber eigentlich ist es eine Farce, eine schlechte Komödie“… ein glucksendes Kichern macht sich breit… „The final Countdown“ erklingt in ihrem Kopf…

Sie hat sich das genauso vorgestellt, ihr geschundener Körper als Leinwand, als Abbild ihrer Seele…

Die Briefe hat sie gestern schon eingesteckt … Jeder bekommt einen, mit seinen Initialen und dem Hinweis, wo auf ihrem Körper seine Buchstaben stehen und warum… Nicht jeder ist in Herznähe… Soviel Platz war da gar nicht, wie sie immer gedacht hat … Ihr Vater steht da und ihre erste große Liebe… L.M., M.W., J.S. – diese drei Krönungen ihres Lebens?

Die sind direkt an den Pulsadern .. die werden sie umbringen… Die Symbolik lässt sie wieder glucksen…

„The winner takes it all“ summt sie leise vor sich hin… „Mit diesem Wissen werdet ihr leben müssen“ summt sie zur ABBA-Melodie und schaut auf ihr Blut, ein Lächeln auf ihren Lippen…

Eigentlich eine schöne Farbe… anders als sie es sich vorgestellt hat…

Sie lehnt sich zurück, ihr langsam werdender Herzschlag erzeugt ein stetiges Geräusch in ihrem Ohr, sie schliesst die Augen und legt den Kopf gegen die Wand…

25 Gedanken zu “Rinnsal

  1. Mal eine andere Seite von dir, die ich so noch nicht gelesen habe. Dunkelgeschichten kannst du also auch. War eigentlich als Leser von MrsMcH klar. Noch etwas feilen und du bist in ihrer spur.
    Den Disclaimer hätte es nicht gebraucht. Ein solches Verhalten ist keine Option und hätte ich auch nicht vermutet.

  2. Phantastisch ge-und beschrieben! Wahnsinn, ich hatte das Gefühl, mit ihr zu sterben. Du drückst diesen schizophrenen Zustand extrem plastisch aus. Dieses Dasein der völligen Verletztheit und doch im letzten Atmenzug mit blutiger Rache beseelt. Im Versuch, sich nochmals zu profilieren, gesehen zu werden. Notabene mit einer Aktion, die, wie wahrscheinlich jedes Mal, niemandem mehr als sie selbst verwundet.

    Und doch: ich finde bei solchen Sachen einen Disclaimer gut. Auch, damit es nicht Jemanden in einer dunklen Phase auf dem falschen Fuss erwischt. Es kann als „Selbstcoaching“ wirken, dunkle Gedanken aufzuschreiben. Sollte jedoch nicht mystifiziert werden, finde ich.

    1. Mit dem Disclaimer tue ich mir wirklich schwer, weil ich auch nicht ausdrücken möche, dass ich das „nie“ machen möchte und damit irgendeine Bewertung abgebe… Vielleicht auch, weil ich sensibilisiert bin, wenn vieles über einen Kamm geschert wird. Ich habe das mehrfach versucht und mehr als „Das ist Fiktion“ kann ich fast nicht schreiben… Schwierig 🙂

      Aber schön, dass ich diese Gefühle beim Lesen der Geschichte erzeugen konnte… das war meine Hoffnung… 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.