Bad Blood

Bad Blood

Freitag gab es aus Gründen der Stimmung kein Musikpralinchen.

Heute gibt es einen – weil es so gut passt. Und weil Taylor Swift scheinbar ganz gute Texte schreibt 😉

‚Cause, baby, now we got bad blood
You know it used to be mad love
So take a look what you’ve done
‚Cause, baby, now we got bad blood
Hey
Now we got problems
And I don’t think we can solve them
You made a really deep cut
And, baby, now we got bad blood
Hey

Did you have to do this? I was thinking that you could be trusted
Did you have to ruin what was shining? Now it’s all rusted
Did you have to hit me, where I’m weak? Baby, I couldn’t breathe
And rub it in so deep, salt in the wound like you’re laughing right at me
Oh, it’s so sad to think about the good times, you and I

Nachwirkung des Schweige-Freitags:

Uiuiuiui, manchmal zieht sowas ja Kreise und die Wellen schlagen erst Tage später am Ufer auf 🙂

Ich musste beim Laufen gestern in der wunderschönen Herbstsonne an eine geführte Unterhaltung denken und habe mich gefragt, wo denn eigentlich diese Sprachlosigkeit herkommt. Warum ich in emotional anspruchsvollen Situationen einfach nicht sprechen kann. Es ist nicht, dass ich nichts zu sagen hätte oder nicht gerne etwas sagen wollte, ich kann nur schlichtweg nicht.

Und ich glaube, es hat zu einem Großteil mit Vertrauen zu tun. Ich bin nicht aufgewachsen mit der Gewissheit, dass meine Ängste, Sorgen oder Probleme ernst genommen wurden. Ich kann mich an keine Gespräche dieser Art mit meinen Eltern erinnern. Mit meinem Bruder gab es nur den Wettkampf „Wer heult zuerst los – der hat verloren und der andere hat Recht“ – wir kennen uns sehr gut und wissen, welche Knöpfe wir beim anderen Drücken müssen. KERR, war das eine Genugtuung, wenn er aufgrund meines Diskussionsstiles an die Decke gegangen ist. Mit meinen Eltern? Gab es einfach keine Gespräche. Die, an die ich mich aus Kindertagen erinnere, wo es um Ängste oder Gefühle ging? Da bleibt bei mir nur das Gefühl zurück lächerlich gemacht worden sein oder nicht ernst genommen. Ich lernte also früh, dass es keinen Sinn macht, über meine Urängste oder Sorgen zu sprechen. Sie haben keine Daseinsberechtigung.
Und das bei den Menschen, denen ich urinstinkttechnisch das größte Vertrauen haben sollte.

Der geneigte Leser wird mir nun vielleicht zustimmen, dass es nicht verwunderlich, dass ich (besonders in Herzangelegenheiten) nicht vertraue.

Es brauchte einige Jahrzehnte, bis ich offen über meine Ängste und Sorgen mit meiner besten Freundin gesprochen habe (und wir gehen seit 28 Jahren durch dick und dünn). Ich hörte mir immer ihre Sorgen an, aber teilte selten meine. Weil ich Angst hatte, Angst, dass ich auch hier nicht ernst genommen werden.

Nun kam im Nachgang zu letztem Freitag ein „Ich verstehe Dich nicht, Wieso sagst Du denn nichts?“

Zum Einen ist es wirklich so, dass ich gelernt habe Paniksituationen schlichtweg zu unterdrücken. Ich bin überrumpelt und merke, wie ich die Kontrolle verliere. Flucht ist keine Option, also schieben wir das mal weg. Darin bin ich riiiiiiiiiiiichtig gut. Und Maske kann ich ja auch gut, also tun wir so, als wäre nichts. Ist ja auch nichts, weil der Dreckskram ja irgendwo versteckt wurde und am Besten noch Deckel drauf.

Es rumort aber, wie ich mittlerweile lernen durfte. Es grummelt und brummelt und weil ich ja gut im Verdrängen bin, weiss ich auch wirklich gar nicht so wirklich warum. Irgendwann ist kein Platz mehr in der Verdängtenkiste und dann „puff“ platzt alles raus – meistens auf einmal und unsortiert. Dass das nicht mehr passiert, daran arbeite ich. Aber: Nobody is perfect ALL the time 🙂

Und ja, das ist manchmal von außen echt schwierig zu verstehen – von innen ist es nicht viel einfacher 😉

Mir wurde mal vorgeworfen, dass ich meine Krankheit als Ausrede benutzen würde, mich dahinter verstecken, sogar darauf ausruhen – hiess es.
Ich habe das hin und her analysiert in meinem Kopf, meine Therapeutin sagt mir zu sowas mit einem Lachen meistens nur, dass das ihre zukünftigen Patienten sind.
Denn wer davon ausgeht, dass man sich freiwillig in diesem ekelig, klebrigen Morast bewegt, der einen einschränkt auf eine Weise, die man kaum erklären kann – der – sorry – hat sie nicht mehr alle.
Ich habe keine sichtbaren Wunden, nichts wo man ein abgeschlossenen Heilungsprozess am Ende erwarten kann, nichts offensichtliches – keinen Gips, keine Krücken, keine sichtbaren Narben.
Therapie ist ein Prozess, Depression verläuft nicht linear. Dafür gibt es keinen Kalender, keine Regeln. Was heute ok war, kann morgen zur Krise führen. Faktoren dafür? Unzählige.
Regeln im Verhalten? Einfach mal genauer hinschauen – wenn man möchte. Wenn man nicht möchte, kann ich das absolut verstehen. Aber dann muss ich aus Selbstschutz Mechanismen für mich entwickeln (dürfen).
Denn am Ende des Tages muss ICH damit klarkommen und damit leben.
Gerne mal nachfragen, verstehen, dass die (ehrliche) Antwort ein Vertrauensbeweis ist und mich verletzbar macht. Etwas mehr Einfühlungsvermögen, wenn Interesse besteht.
Wenn keines besteht, kann ich das gut verstehen. Mir hängt es an manchen Tagen auch zum Halse raus 🙂

Ich wäre gerne anders, ich wäre gerne normal, würde wahnsinnig gerne mal wieder 1-2 Tage (!!) ohne diese Betonschuhe an den Füssen erleben. Würde gerne mal wieder Alkohol trinken, ohne darüber nachdenken zu müssen, was dann vielleicht passiert, dass ich die Kontrolle verliere. Möchte morgens wieder aus dem Bett kommen, ohne eine Stunde mit meinem Hirn zu kämpfen. Möchte wieder aufhören können mir Tages-, Wochen-, Monatspläne zu schreiben, weil ich vergesslicher geworden bin und mittlerweile einteilen muss, wie ich meine Energie nutze. Möchte endlich mal wieder ohne Angst mit Menschen umgehen können und einfach mal wieder „ICH“ sein.

Und hier ist die Krux: Vielleicht bin ich DAS ja. Und das andere Wesen, was fröhlich und unbeschwert durch die Gegend läuft. Die Menschen für sich einnehmen kann und unterhalten kann. Die „cool“ ist und schlau und so lebensweise und -froh, dass sich jeder gerne da mal ausheult, weil die Tipps echt knorke sind und die Laune danach meistens Bombe! Das gibt es gar nicht.

Auf dem Weg zu einem besseren Verständnis dieser Krux hat ausgerechnet ein Animationsfilm geholfen – Inside Out. Ich war mit meiner Besten drin. Auf einmal drehte sie sich zu mir und meinte „Das bist Du! SO bist Du!“ und zeigte auf Joy. Ich schaute sie an und meinte „Nääääh, ich bin voll Sadness!!!!“. Wir schauten den Film zuende und als wir dann draussen standen und ich im Kino eine Runde heulen musste meinte ich „Ich bin beides. Joy und Sadness. Das eine kann nicht ohne das andere und das ist auch gut so“. Das habe ich in der Therapie erzählt und meine Therapeutin brummte wohlwollend hinter meinem Kopf.

So ist das dann wohl – ich bin beides und das ist okay.

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P.S..: Das war kein Schlüpper-Runterlassen-Beitrag. Ich habe grade mal meine Strickjacke ausgezogen 🙂

9 Gedanken zu “Bad Blood

  1. Habe den Film gestern mit der gesamten Familie gesehen und bin immer noch begeistert. Gemäß dieser Logik haben wir alle Gefährten bei uns. Es kommt immer darauf an wer gerade die bestimmende Person ist. Das mit dem Urvertrauen ist dann wieder ein anderes Thema. Wenn sich da mal alle Eltern bewusst wären wie viel sie ihren Kindern schenken können bzw vorenthalten.

    1. Allerdings! Erschreckend! Und fantastisch wie die Filmemacher so ein komplexes Thema in einen unterhaltsamen Film gebracht haben. Auch das mit den Inseln (Familie, Hockey, Freunde…) macht alles total Sinn 😉

      Das war ’ne Minitherapie 😉

      Ich frage mich, wieviel Kinder davon mitbekommen 🙂 und verstehen … Hast Du mit Deinen hinterher gesprochen?

      1. Klar. Meine Tochter (12) hat das sehr gut verstanden. Bei meinem Sohn (9) bin ich mir da nicht so sicher. Aber er hatte viel Spaß. Es wird bestimmt eine Fortsetzung geben. Dann ist er älter.

  2. Das war kein Schlüpper-Runterlassen-Beitrag. Ich habe grade mal meine Strickjacke ausgezogen

    Dann sind Sie ja dick gekleidet …

    Das mit dem „Lebensberater“ kommt mir auch sehr bekannt vor. Und selber hat man dann die größten Probleme und selten jemanden, den man zuquatschen und um Rat fragen kann.

    Irgendwann ist kein Platz mehr in der Verdängtenkiste und dann “puff” platzt alles raus – meistens auf einmal und unsortiert.

    Oh ja, und das Aufräumen dann hinterher, das Aufräumen erst …

    1. Strickjacke eigentlich fast immer – in unterschiedlichen Dicken… 🙂

      Lebensberater: DAS ist in der Tat so. Zumal man glaube ich die Stärke des Beraters schätzt und dann oft mit der Schwäche nicht umgehen kann… Doof das…

      Aufräumen: DA sagen Sie was.. das ist ja dann meist so ekeliger Schleim, der in alle Ritzen kriecht und je länger man das liegen lässt umso anstrengender ist das sauber machen… gar nicht gut….

  3. Das visuelle Konzept des Videos täuscht über die Tiefgründigkeit der Textaussage hinweg.

    Und dieses Theo Waigel-Augenbrauengedächtnis-Modell Cara Delevingne ist überall zur Zeit. Kann nicht sagen dass mich das begeistert. Die Zalando-Werbung war aber ganz witzig.

    Haste im englischen Original geguckt (logisch, oder?)? Die deutsche Übersetzung ist super daneben… :/

    1. Schau mal nach dem Interview, das Cara Delevingne Rupert Everett gegeben hat. Für jemand so Junges, muss man da schon den Hut ziehen.

      Sie ist aber weder optisch noch menschlich „mein Fall“ – aber dafür gebe ich ihr Kudos.

      Das Video hatte für mich Retro-Elemente von z.B. „Scream“ und dem Spice-Girls Video, wo sie in der Wüste rumrennen. Dann Charlies Angels und noch ein bisschen Matrix…
      Aber ich gebe Dir Recht, dieses Video ist super Marketing, lenkt aber vom Text ab. Den ich weiterhin für diese junge Frau sehr äh reif finde. Wie erstaunlich viele ihrer Texte – vielleicht bin ich jünger als mein Pass das sagt oder ich hole gerade nach, was andere in ihren 20ern erleben… Aber ich denke oft „dammmmmmmmmmmmn, i wish i could have said that“ 🙂

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