Dumpfer Sumpf

Dumpfer Sumpf

Draussen ist der schönste Herbstag.

Ich sollte auf Arbeit sein, aber das Gedankenkarussell war in vollem Gange. Den ganzen Sonntag und die ganze Nacht. Natürliche Schlafhilfen sind meist wirkungslos. Chemie möchte ich nicht einsetzen.
WENN ich dann schlafe, dann weckt mich kein Wecker, nichts hilft da.

Und dann kommen die Schmerzen im ganzen Körper – vom Unfall, vom Weinen, vom Schlafmangel, vom Verkrampfen – weil das niemals ein entspannter Schlaf sein kann … Wenn man innere Kriege und Kämpfe ausficht, sich selbst besonders seinen Kopf zum Schweigen bringen möchte.

Wenn es soviel zu anderen zu sagen gäbe und man sprachlos ist, weil man weiss – der andere will und kann es einfach nicht mehr hören. Man schreien möchte und keine Stimme hat.

Wenn die Aufgaben und Erwartungen von anderen, aber besonders von einem selbst, so übermächtig sind. Einen Karton in den Keller tragen 4 Monate, 3 Tage und 2 Stunden gedauert hat. Die ganze Zeit eine Anklage, ein Hinweis auf das eigene Versagen – „nicht mal DAS schaffst Du“. Für morgen vornehmen, dass der zweite Karton schneller geht. Wissen, dass man es nicht schaffen wird. Weil es schon JETZT unüberwindbar ist.

Wenn man zum Erbsenzähler wird und Zwangsverhalten an die Oberfläche kommen, die man so nie vermutet hat und wo man nicht mehr die Kraft hat, diese Instinkte und Rituale zu unterdrücken.

Wenn man die Lösungen sieht und nicht verstehen kann, dass andere diese nicht auch sehen. Man sich schämt, darum zu bitten, dass sie gesehen werden, dass man verstanden wird. Rücksicht genommen wird, nicht neuer Stress oben drauf gepackt wird.

Wenn man so geworden ist, wie man NIE sein wollte und man alles leichte und lockere verloren hat. Nicht mal sein Lachen findet sondern nur Tränen fallen.

Dann bleibt man einfach am besten im Bett.

19 Gedanken zu “Dumpfer Sumpf

      1. Weißt du, auch das ist hier nicht fremd. Und die Anstrengung manchmal sich nicht dem verlockenden Sumpf zu ergeben ist immens. Und manchmal kann ich es auch nicht in ein hübsches Lächeln verpacken und im fröhlich frischem Alltag verbergen. Und manchmal kotzt mich dieser enorme Anspruch einer Friedefreudeeierkuchenwelt enorm an. Dieses so häufige Unverständnis. Und „reiß dich zusammen, ist doch alles eigentlich schön“. Ja, ist es vielleicht. Aber eben nicht immer. ♥

      2. Stimmt alles, was Du schreibst.

        Ich muss rückwirkend „bewundernd“ anerkennen, wie lange ich dieses Lächeln aufrecht gehalten habe und jedem seine persönliche Friedefreudeeierkuchenwelt gegeben habe… Manchmal wundere ich mich nicht, wo meine Kraft hin ist…

        Aber das „Authentisch-Sein“ zu Lernen und vorallem mit den Reaktionen leben zu können – das ist ein langer Weg….

        Den ich aber wichtig finde und deshalb auch gehe… 🙂

  1. So eine Phase hatte ich auch schon. Ziemlich katastrophal, zumal ich den Eindruck hatte, bei Außenstehenden immer als Hypochonder dazustehen. Was die Situation nicht direkt entspannen konnte.
    Ich drücke dir die Daumen, dass du bald wieder auf die Füße kommst.
    Lieben Gruß
    Camilla

  2. Das klingt sehr ernst. Hast Du jemanden auf Stand-by, z B Deine Therapeutin, die sich damit auskennt und helfen kann. Die üblichen Hausmittel scheinen völlig fehl am Platz zu sein. Ich wünsche Dir trotzdem alles Gute und viel Kraft. Auf das Du morgen wieder alles machen kannst und diese leidige zweite Kiste in den Keller bringen kannst.

    1. Therapeutin ist im Urlaub aber ja habe ich. Es gibt einfach Tage, da reicht die Antriebskraft einfach nicht aus … *kopfschüttel* Ich kenn‘ das nicht so an mir … Ich war nie so …. 😦

  3. Manchmal kann man sich nur den Rettungsring „Auch das geht vorüber“ umschnallen und sich treiben lassen.
    Ich wünsche dir, dass bald Land in Sicht kommt und du wieder festen, sicheren Boden unter den Füßen spürst. Alles Liebe und viel Geduld dafür!

    1. Danke schön. Ich glaube, dass ich das gerade lerne – einfach mal Rettungsring umschnallen und den Sturm aushalten, bis es wieder ruhiger wird. Und auch dann vielleicht einfach mal weiter treiben lassen.

  4. ich frage mich, ob es der erste bewusste „absturz“ ist, den du da beschreibst. und wenn nein, so stellt sich mir die frage, warum dich keiner darauf vorbereitet hat. solche löcher sind in deiner situation normal und einen schutz davor gibt es nicht wirklich. die frage nur, wie man da raus kommt. versuche in solchen situationen, wenn du sie auf dich zukommen siehst, einen ventil zu finden. schreibe oder male und versuche deinen kopf nicht die gewalt über dein handeln zu bekommen. versuche im rahmen deiner möglichkeiten zu steuern.

    scheiß auf die erwartungen von anderen! du bist nur gegenüber dir selbst verpflichtet. aber was bedeutet das für dich. es ist keine verpflichtung ein normals leben zu führen. es würde in deiner situation eine unerfüllbare aufgabe bedeuten. so weit bist du noch nicht. du musst laufen lernen, bevor du rennen kannst. also gehe kleine schritte und lasse zu, dass es manchmal einfach nicht funktioniert.

    hat du es schon einmal mit einer to-do-liste gearbeitet? es geht darum die eigenen aufgaben zu definieren. stelle die liste so zusammen, dass du sie schaffen kannst und füge in abständen nur eine aufgabe hinzu. nicht mehr als eine. vielleicht solltest die nächst sitzung mit deiner therapeutin dazu nutzen, für solche tage einen ansatz zu finden.

    und noch was ganz wichtiges: es ist kein versagen deinerseits! versagen setzt vermögen voraus. du meisters dein leben im rahmen deiner persönlichen möglichkeiten. erwarte also nicht schaffen zu müssen, was gesellschaftlich, sozial, menschlich, … als erstrebenswert und „normal“ angesehen wird. und wenn ich hier so lese, dann meisterst du das ganz gut.

    1. Nein, es war nicht der erste Absturz, aber es war erst der ich glaube dritte, der darin geendet hat, dass ich nicht zur Arbeit konnte. Nach dem ersten habe ich das sehr panisch mit meiner Therapeutin besprochen, weil ich immer befürchte, dass es, dass ICH schlimmer werde…. Im Hinterkopf immer noch die Angst vor Bipolarität habend. Ich habe mittlerweile ansatzweise verstanden, dass es „ok“ ist, wenn ich nicht immer alles kann und auch mal die Flügel hängen lasse. Es entspricht nicht meinem Wunsch-Selbstbild. Und es entspricht nicht meiner Erziehung – wir waren nicht krank, wir sind nicht krank, wir gehen auch „krank“ noch arbeiten etcpp.

      Ich arbeite sehr daran, dass mir die Erwartungen anderer egal sind, das viel schlimmere sind meine eigenen Erwartungen. Da bin ich gerade dran – die überhaupt mal in Worte fassen zu können, damit ich sie ggf. abschwächen und entkräften kann. Es ist spannend aber auch gruselig rauszufinden, wo die herkommen.

      Ich habe To-Do-Listen und arbeite seit kurzem mit Monatskalendern, weil ich mich permanent überfordert gefühlt habe und verzweifelt bin, dass ich nicht geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte. Seit ich das auf die Monate verteile und darauf achte, dass ich genug Puffer dazwischen und generell freie Zeit für mich einzuplanen, ist es ein wenig besser geworden.

      Letzer Absatz: 96% der Zeit denke ich das auch und klopfe mir neuerdings tatsächlich auch mal selbst auf die Schulter, weil ich es auch so sehen kann (Meist allerdings erst, wenn meine Therapeutin mir das aufgezeigt hat… ). Es gibt eben auch die 4% und die hauen dann halt richtig rein… Aber, ich hoffe, dass auch das besser wird.

      Danke für Deinen Kommentar 🙂

  5. An manchen Tagen kann es dazu kommen, dass der Körper sich entscheidet, dir das Signal zu geben, nicht bereit zu sein, über gewisse seelische Dinge hinweg zu gehen. Wichtig ist jetzt, aus meiner ganz eigenen Erfahrung, nicht in Panik zu geraten! Das ist das Schlimmste, was du machen kannst – auch wenn es schwer ist, sie zu verhindern.

    Wenn so ein Tag da ist, dann versuche ich, gut auf mich aufzupassen. Mache Dinge, die mir gut tun. Auch wenn es sich vielleicht komisch anfühlt, ich versuche solche Tage als Urlaubstage zu sehen. Und bis jetzt klappt es meistens, dass ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit gehen kann.

    Ich weiß, das liest sich jetzt leicht daher gesagt und ich weiß auch, dass man (ich z.B.) lange braucht, um das hinzubekommen. Aber so sieht der Weg aus, denke ich.

    Ich wünsche dir viel Kraft und Erfolg für den nächsten Tag. Und, ganz wichtig: Mach dich nicht zusätzlich noch selber fertig! 🙂

    1. Danke für Deinen Kommentar.

      Mittlerweile versuche ich diese Tage so zu sehen – als Auszeit. Für Körper, Kopf und Seele. Und wenn ich mich nicht aus meinem Bett bewegen mag, dann mache ich das auch nicht. Aber ich habe Angst. Angst, dass aus „ab und an mal ein Tag“, vielleicht mal eine Woche wird – oder ein Monat? Kontrollverlust … ich glaube, dass ist die größte Angst.
      Man lernt mit einem verdorbenen Magen umzugehen und jeder hat seine Erkältungs-Mittelchen auf die er schwört.
      Aber sowas? Gegen/Für sowas gibt es keine bekannten Mittel, weil keiner drüber spricht. Und wahrscheinlich auch, weil jedem etwas anderes hilft.
      Ich stelle fest, dass es gegen Nachmittag/Abend, wenn ich mich den ganzen Tag den äußeren Einflüssen entzogen habe, meistens besser geht. Gestern habe ich dann eine Pflanze entsorgt, meinen Koffer von Ende September aus- und weggeräumt, gespült und gekocht, Wäsche abgehängt – und es war okay. Es fiel mir nicht schwer, es ging in einem Flutsch.
      Vielleicht sind solche Auszeit-Tage wie ein Reset-Button. Man muss den drücken, das System einmal runterfahren und warten, bis es wieder hochgefahren ist. Meistens läuft es dann stabiler und schneller als vorher?

      1. Ich weiß nicht, ob das Bild des Reset-Knopfs passt. Ich sehe es eher als das Aufladen eines Akkus. Und genauso wie bei einem Akku musst du aufpassen, dass du nicht zu schnell wieder die gesamte Ladung verlierst. Deswegen, auch wenn es schwierig ist und sich schrecklich anfühlt: selbst wenn es mal zwei Tage in einer Woche sind, die der Akku wieder zum Laden braucht, dann ist das so!

        Generell ein nicht zu unterschätzender Satz im Rahmen einer psychischen Erkrankung: Das ist jetzt so! Vollkommen wertneutral und ohne jeden Vorwurf.

        Ich drück dir die Daumen, dass dein Akku bald wieder voller ist!

  6. jetsam und Mic haben alles geschrieben, was ich dir mit auf den Weg geben wollte. Lieblings-Lila ich schicke dir eine feste Umarmung. Glaub an dich und deine Stärke, nimm dir die Zeit, die du brauchst um den für dich gehbaren Weg zu finden. Hinter jeder noch so dunklen Wolke lauern neue Sonnenstrahlen.

    1. Dankeschön, liebe Ella.
      Auch Dein Kommentar hat gestern sehr geholfen, die Wolken von heute zu Seite zu schieben. Heute ist ein bißchen mehr Sonnenschein als gestern.

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