Freiheit

Freiheit

Ich bin beschwerdefrei.

Seit hmm Ende November ungefähr ist die mentale und emotionale Lähmung weg und das innere Summen und Vibrieren. Weihnachten war wunderbar leicht und entspannt aber so ganz traute ich dem Frieden nicht.

Aber nachdem vorletztes Wochenende in der Familie ein wenig Drama und Chaos war und ich ruhig und besonnen und vor allem klar in meinen Ansagen da durch gesegelt bin, habe ich mit meiner Therapeutin gesprochen.

Momentan habe ich keine Depression.

Bin ich geheilt?

Hmm, schmeisst man Tante Google an, dann sagt die, dass Depressionen nicht „heilbar“ sind. Man hat da die Veranlagung zu und die geht auch nicht weg. Aber man kann durch Therapie und Medikamente damit leben – je nach Veranlagung.
Andere Seiten wiederum sagen, dass Depression durchaus heilbar ist und der ehemalige Patient dann nur noch leichte Melancholie verspürt.

Nun, wie dem auch sei – mir geht es gut und ich würde sogar sagen, ich bin sowas ähnliches wie glücklich. Nennen wir es doch mal „zufrieden“.

Misstrauisch und fatalistisch wie ich manchmal veranlagt bin, traue ich dem Frieden nicht und so ganz haben sich alle Veränderungen auch noch nicht ins Unterbewusstsein verankert.

So wirft mich Verhalten von Freunden, Kollegen, Familie gerne nochmal aus der Bahn – aber neu ist: Ich spreche es an.

Neu ist, dass ich eine Freundschaft wieder aufleben lassen konnte, die eigentlich tot war. Ich kenne das nicht, das ist noch nie passiert. Manchmal weiss ich nicht, wie ich damit umgehen soll, die Verlockung die Verletzung zu vergessen und so zu tun, als ob nichts passiert wäre, wäre falsch. Ewigen Groll zu hegen aber genauso falsch, also muss ich einen Mittelweg finden – das fällt mir nicht leicht, weil ich nicht weiss, wie es geht. Wie es richtig ist.

Ich telefonierte mit meiner Mutter im Rahmen der Familienkrise und machte klare Ansagen. Erst dachte ich, ich sei wütend. Sie sagte, ich sei emotional aufgewühlt und ich solle micih bitte beruhigen. Daraufhin erklärte ich ihr sehr ruhig, dass ich mitnichten wütend bin aber einfach sehr bestimmt und klar ansagen würde, was ich möchte und was nicht. Nämlich nicht als „unzurechnungsfähig“ betitelt zu werden, weil ich – für andere – unbequeme Entscheidungen treffe.

Ich habe in dieser Situation und auch in vielen anderen Situationen auf einmal eine Freiheit, die ich vorher nicht hatte.

Die Freiheit, angstfrei Entscheidungen treffen zu können.

Ich suche Referenzen, weil ich keine Erfahrungswerte habe… Rational, Ruhig, Besonnen … Nicht impulsiv mit dem Kopf durch die Wand und im Tränenmeer ersticken.

Das fühlt sich total komisch an, sehr hmm ruhig, sehr linear. Dennoch weiss ich nicht, ob mir nicht irgendwann die Achterbahn fehlt. Was, wenn mein Leben jetzt langweilig wird? Keine Dramen mehr? Keine Himmelhochjauchzend-Begeisterungsphasen mehr? (Und ja, keine zu-tode-betrübt-Phasen mehr)

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Nun! Keine der beiden Phasen war schön und in dem Extrem möchte ich es nicht mehr. Aber wie sagt meine Therapeutin: 40 Jahre sind nicht einfach wegzuwischen UND Sie können sich ja jederzeit wieder anders entscheiden. Liegt doch bei Ihnen!

Liegt bei mir. Hmm.

Dafür sind die nächsten Wochen, Monate Therapie da. Mich selbst gut aufstellen. Mir klar machen, was möchte ich, was nicht. Diese Freiheit… Wahnsinn…. 🙂

Das ist wie Laufen lernen. Tappsig und unsicher, aber zielgerichtet der Sonne entgegen – zum ersten Mal wirklich auf MEINEM Weg.

Ziel? Unbekannt 🙂

Der Weg ist das Ziel, ein Fuß nach dem Anderen – das mit der Geduld bekomme ich nämlich auch irgendwann noch hin 🙂

Euch allen einen schönen Abend.

Lila

20 Gedanken zu “Freiheit

  1. Liebe Lila, Onkel Google nach Depression zu Fragen ist … ach mir fällt kein Vergleich ein, ist jedenfalls doof. Man kann Depressionen in x Klassen und Schweregrade unterscheiden und dann statistisches Material dazuschmeißen – aussagekräftig ist das kaum. Denn es geht um die Faktoren, die zur Depression führten, sie am Leben halten oder auch um die Faktoren, die die Depression zurückdrängen, ein Gegenwicht bilden. Und so wie Du schreibst gehst Du gerade verschieden Phasen, verschiedene Muster durch, bist am Suchen was stimmt, was passt, was funktioniert. Und damit bist Du in meinen Augen auf dem besten Weg.
    Den eigenen Weg kennt niemand so richtig – das macht’s ja auch so spannend. Und so lange man denkt, so lange man reflektiert, so lange man offen diskutiert und auch mal zuhört, mal inne hält, mal nachfragt, nachhört, solange kommt man von seinem Weg nicht so schnell ab.

    1. Tante und Onkel Google wurden befragt, weil ich die Frage, ob man Depressionen heilen kann, tatsächlich nicht beantworten kann (die Frage aber gestellt wurde)

      Ich glaube nicht, dass ich das Denken, Reflektieren oder Reden einstellen werde (auch wenn der ein oder andere sich letzteres wünschen würde *g*)… Also in dem Sinn – munter weiterlaufen 🙂

  2. *freu*
    Das ist so schön zu lesen. Ich freu mich soooooo für Dich.
    Und ich kann Dich beruhigen – ich fahre keine Achterbahn und mein Leben ist in keiner Weise langweilig und ich habe auch Himmelhochjauchzend-Begeisterungsphasen.

  3. Das ist mal, so in der Gesamtheit, ein Statement, liebe Lila!

    Ich selbst glaube leider auch nicht, dass Depressionen heilbar sind. Aber man kann absolut seinen Umgang damit erlernen und vor allen Dingen den Umgang mit den Faktoren, welche die depressiven Schübe auslösen. Und du scheinst dich da gerade auf einem sehr guten Weg zu befinden, für den ich dich beglückwünsche! 🙂

    1. Dankeschön *knicksmach*

      Ich denke die Veranlagung wird bleiben und gewisse Verhaltensweisen werden sich nicht in einem Jahr vernichten lassen. Aber wenn ich einen besseren Umgang mit Doofen Situationen gelernt habe, dann habe ich doch schon viel gelernt 🙂

      1. Sehr viel sogar! Und jetzt schön daran festhalten. Mir hat einmal eine Therapeutin einen prägenden Satz genannt, nachdem unser kurzes stationäres Intermezzo endete:

        „Sie haben hier gelernt, die Kurzstrecke zu schwimmen. Jetzt gehen Sie da raus und trainieren für die Kanaldurchquerung.“

        Und wie man sieht, halte ich mich immer noch irgendwie über Wasser :-).

  4. Heilbar hin oder her, einen Weg zu finden mit ihnen umzugehen. Anzeichen zu erkennen. Handlungsmuster zu verändern. Verminderung. Das passierte bei dir. Mit wunderbarer Konsequenz 🙂
    Freut mich sehr liebe Lila 🙂

  5. Da merkt man erst einmal, wie sehr man sich an gewisse Zustände, und waren sie noch so anstrengend, gewöhnt hat. Dass sich ein Teil direkt wieder zurück in diese bekannten Gewässer wünscht. Ich meine das jetzt wertfrei und durchaus auch auf mich bezogen: So schreiben wir die meisten Dramen wohl selbst.

    Ich wünsche dir, dass du genießen kannst, was gerade ist.
    Liebe Grüße!

    1. Beim Altbekannten weiß man eben wie es läuft und funktioniert … Neues ist erstmal mitunter beängstigend … Aber so angenehm und beruhigend das Bekannte ist, zurück möchte ich eigentlich nicht…

  6. Gratuliere!
    Und keine Sorge, auch ohne die Himmel-hoch-jauchzend / zu-Tode-betrübt Phasen gibt es absolute „Highs“. Es ist dann mehr ein anhaltendes Schweben. Nach einer Hochphase bleibt das Lächeln wie eingemeiselt im Gesicht, sehr lange. Und – in aller Regel – folgt kein „down“. Klingt doch auch verlockend, oder?

    Zum Punkt „Heilbarkeit“: Jeder Mensch hat gewisse physische Schwächen, auf die er leicht anspricht. Manche brechen sich oft irgendwelche Knochen, andere sind dauernd erkältet und leiden schnell unter Rückenschmerzen. So glaube ich, dass auch die V e r a n l a g u n g zur Depression nicht einfach verschwindet. Man muss das sorgfältig im Auge behalten. Die Depression kann aber sehr wohl „geheilt“ werden in dem Sinne, dass man symptomfrei wird. Meine Meinung.

  7. Danke, dass du so offen über deine Gefühle und deine Krankheit schreibst. Ich habe mich von „Himmelhochjauchzend“ verabschiedet, weil „total normal“ schon ziemlich anstrengend, aber auch sehr spannend ist. Einmal zu fühlen: „Das möchte ich nicht“, und es dann auch noch zu sagen, ist ein wirklich großes Abenteuer. Ich glaub, du bist auf einem guten Weg.

  8. Copy Paste:

    ‚… Ich freue mich aber wirklich sehr für dich…‘

    Mehr brauche ich hier nicht zu sagen. Vielleicht noch dies:

    *FreudentanzKonfettikanoneundSchampusregen*

    😉

  9. Liebste Lila, ich augenstolperte bei aller mitlesenden Augenfreude über eine Bemerkung: “ ….ich bin sowas ähnliches wie glücklich.“ Wären Sie jetzt mein Gegenüber, würde ich ihnen tief in die Augen sehen und Einspruch erheben. Es gibt weder ein Bißchenglück, noch ein Ähnlichglück. Was soll denn das sein, wie sich anfühlen? So ähnlich wie Glück? Sie sind glücklich und fallen aber manchmal tief hinab in das Kummertal. Doch wenn Sie da oben, auf einem der vielen möglichen Glücksgipfel Ihres Gefühlsgebirges stehen, dann hat das, was Sie pulsend durchfließt nur den einen Namen: Glück. Nennen Sie es ruhig so. Glück ist nicht wie die Phantasie, die ständig neu benamst werden will, Glück sind Sie!

    Von Herzen grüße ich zugetan und schlage flugs einen Karabiner in einen der Steilhangklettersteigen gipfelwärts, Ihre Käthe.

    1. Liebste Frau K.,

      dieser Zustand ist noch ungewohnt und der Angsthase in mir fürchtet – glaube ich – dass der Moment verfliegt, wenn ich ihn benenne. Daher die vage Formulierung.

      Aber jawoll. Sie ham‘ wie immer Recht!

      Allerherzlichste sturmabwehrendmummeligste Umarmung! 🙂

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