Stille

Stille

TonyWebster

Ich kannte ihn nicht, gefolgt bin ich ihm schon lange, seine Artikel habe ich immer zeitverzögert gelesen … Zu nah seine Themen, zu bewegend seine Artikel, zu gefährlich die Beschäftigung damit.

Es rauschte vorgestern durch mein Bloggyversum, erst gestern Abend schaffte ich es, den letzten Beitrag zu lesen.

Sein Abschiedsbrief – Am Ende

Ist es wirklich feige und armselig, wie er schreibt? Sind die erzürnten und enttäuschten Stimmen, dass er sich keine Hilfe geholt hat, berechtigt? Darüber kann und hat keiner zu urteilen. Ich stand schon mehrmals vor diesem verlockenden Glas mit Süßigkeiten, die mein Leben beendet hätten. „Du bist eben eine Kämpferin“ – mag sein. Aber das ist so unendlich anstrengend und mitunter frustrierend. Wäre es feige gewesen, wenn ich mich für den Ende des Schmerzes und der Traurigkeit entschieden hätte? Wäre das feige?

Wenn die Stimmen im Kopf zu laut wurden, die mir sagen, dass ich NICHTS wert bin. Eine Täuschung – eine Enttäuschung.
Wenn die Stille so laut ist wie ein Düsenjet.
Wenn die Welt und alle Menschen zuviel werden und gleichzeitig der Drang nach Nähe so wahnsinnig groß werden.

Meine Selbstzweifel waren zu mächtig, mein mir selbst beigemessener Wert zu gering. Ich habe mich am Ende selbst nicht geliebt und war nicht in der Lage, anderen Liebe entgegen zu bringen.

Man kann schlechte Einflüsse und Einflüsterer von Außen abblocken oder man kann es zumindest versuchen. Was man oft nicht kann oder nur mit Hilfe von Drogen und Alkohol (oder SM) ist die inneren Stimmen, Kritiker, Zweifel zum Schweigen zu bringen.

Ich habe diese Stimmen noch. Sie sind mal lauter und mal leiser, aber sie sind immer da. Schlummern im Hintergrund und warten darauf, dass ich nachlässig werde… unkonzentriert … unaufmerksam. Ich habe gelernt gegen sie „anzureden“. Noch schaffe ich das nicht, nicht so, dass sie aufhören. Aber sie verschwinden schneller.

Das heisst leider nicht, dass ich glaube, was ich mir selbst sage. Aber die Stimmen macht es leiser und dafür bin ich schon mal dankbar.

Ich kommuniziere das nicht mehr, nur noch meiner Therapeutin und den 2 Besten. Es gibt da irgendwie ein Verfallsdatum in der Gesellschaft. Irgendwann will keiner mehr was darüber hören, sich damit nicht beschäfitgen, darüber nicht mehr sprechen. „Du bist doch in Therapie, ist doch alles gut jetzt“. Es wird nicht mehr gefragt und dabei übersehen, dass es so wichtig wäre, weil die Hemmung darüber zu sprechen SOOOOO riesengroß ist. Es ist müßig sich zu erklären, wenn die Wahrnehmung der Umgebung fest gesetzt schein.

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Eine Hand reichen, Interesse zeigen, Anteilnahme, Mitgefühl… Kurz der Nachbarin das Ohr leihen, die Hand auf die Schulter legen, ein Lächeln schenken.

Ich bin nicht perfekt, aber das zumindest kann ich ganz gut. Ich mache das bewusst. Weil ich denke, dass es wichtig ist. Ich vermisse das bei Anderen. Ich hätte auch gerne eine Hand auf der Schulter. Ein Lächeln.

Schaut in jeder Situation gemeinsam nach vorn. Seit achtsam mit euch selbst und dann aufeinander. Macht die Welt im Großen wie im Kleinen wieder zu einem guten Ort. Lebt den Gedanken, dass das gemeinsam im Miteinander möglich ist, weiter. Das wäre mir ein letzter Trost. Vielleicht bekommt mein Dasein dann doch noch einen Sinn.

Dass ich blogge, dass ich zuhöre und meine Menschen wahrnehme, dass ich Ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenke – das sind meine (vielleicht erfolglosen) Versuche, die Welt – MEINE Welt – ein kleines bißchen besser zu machen.

Ich kannte Hannes nicht persönlich, aber seine Einträge sind lesenwert, bewegend und haben viele Menschen berührt.

17 Gedanken zu “Stille

  1. Ich würde Dich vermissen. Ich kann es nicht beurteilen ob seine Gründe berechtigt waren oder nicht. Jeder Tod ist einer Zuviel, denn er löst wieder neues Leid aus. Kennst Du noch den Film bzw die Serie MASH? Das Titellied heißt Suicide is painless. Ich habe mir nie den Text angeschaut und bin sehr schlecht im Mithören. Ich tippe, dass es ironisch ist. Wenn es mir mal wieder zu viel wird, dann pfeife ich das Lied und stelle mir vor wie schön einfach alles wäre. So wie ein Lottojackpot einfach wäre. Aber dann denke ich mir, dass zumindest meine Organe gespendet werden sollten und dann gehen die Probleme los. Wie stelle ich den Erfolg sicher und werde trotzdem so gefunden, dass alles noch frisch ist, so dass die Organe verwendet werden können. Dann denke ich an meine Kinder und dass ich für die nächsten verkorksten Leben verantwortlich wäre, denn so ein Suizid wird bestimmt Auswirkungen haben. Dann an meine Frau und mit was für Idioten sie und meine Kinder sich rumschlagen müssten. So komme ich zum Schluss, dass es noch viele Dinge gibt, die ich ändern könnte bevor ich zum ultimativen Schritt gehe. Aber das Wissen immer noch etwas in der Hinterhand zu haben hilft.

      1. Ich denke, die Feigheit bezieht sich nicht auf den Selbstmord selbst, sondern auf die Flucht aus dem Leben – man ist zu feige, sich seinen Problemen zu stellen!?

      2. Dann sind aber mindestens 50% der Menschheit feige 🙂 Die wenigsten Menschen stellen sich ihren Problemen sondern weichen aus – Drogen, Sex, Alkohol, Fanatismus, Workaholic… Die Liste ist endlos.
        Es ist und bleibt ein schwieriges Thema, zumal man ja hinter nicht fragen kann: Würdest Du es nochmal so machen, wenn Du wie Wahl hättest ?

      3. Ich teile ja die Auffassung, Selbstmord sei feige, nicht. Es ist aber meiner Meinung nach die landsläufige Denke.

        Nein, das kann man nicht (woran erinnert mich das jetzt nur …). Außer, der Suizid-Versuch mißglückt.

    1. Danke, SirAlec

      Ich glaube, dass es hilft, das Selbstmordszenario durchzuspielen. Wie würde man es machen, z.B.
      Bei mir war immer der erste Gedanke meine Beerdigung – wieviele Leute wohl kämen, wären die Leute wirklich traurig, würde ich vermisst werden?
      Für mich die Erkenntnis, dass es mir um meinen Wert ginge und nicht darum ein vermeintlich ausweglosen Weg zu beenden. Denn das ist mein Leben nicht. Es ist nicht ausweglos.
      Das ist es glaube ich nie, aber man muss es sehen können und wollen.
      Du führst Dir vor Augen, welche guten Gründe es für ein weiterleben gibt – lebenswert.

      Wenn man mal so über diese Worte nachdenkt: lebensmüde, lebenswert, lebensfroh… Das sind schon tolle, ausdrucksstarke Worte 🙂

  2. Es macht mir bewußte, dass ich keine Nachrichten zwischen Tür und Angel beantworten, sondern mir Zeit nehmen sollte um dem Menschen der mir schreibt gerecht zu werden. Ich war sehr mit mir beschäftigt und er wollte mich nicht nerven. Und ich wollte dann wiederum ihm nicht auf den Keks gehen… So läuft es manchmal und eine Kommunikation endet..

      1. Wohl wahr, deswegen treffe ich mich eigentlich lieber persönlich. Aber er hat am Ende abgeblockt. Ich hab mir nicht die Zeit genommen ausführlicher online zu kommunizieren.. Nicht mehr änderbar

  3. Ich bilde mir ja eigentlich ein, ein relativ empathischer Mensch zu sein, dem es gelingt, sich in sein Gegenüber hineinzudenken.
    Aber am Thema Depression scheitere ich immer wieder … Zu einfach ist da meine Gedankenwelt und ich persönlich schaffe es immer wieder, mich selbst zu motivieren und die Hoffnung nie aufzugeben.
    Letztlich kann sich der Betroffene wohl nur selber helfen.
    Schade, dieses Gefühl, es sei alles zu spät und unumkehrbar…

    1. Aus meiner Erfahrung ist es weniger das Gefühl, dass es zu spät ist. Eher gar kein Gefühl oder Zuviel ungefiltertes negatives Gefühl. Sprachlosigkeit. Wertlosigkeit. Bleierne Schwere, unfähig irgendwas zu unternehmen. Die Decke über den Kopf ziehen und mehrere Tage nicht in der Lage sein, das Bett zu verlassen.
      Da Hilfe zu holen, was in DE auch nicht immer einfach ist, ist oft einfach unmöglich.
      Ich kann das leider total nachvollziehen.
      Aber ich weiß auch, dass das von außen schwer nachzuempfinden ist.
      🙂

      1. Naja, er hatte ja Ideen oder Vorschläge, was man besser machen könnte (sein letzter Wunsch). Nur hatte er wohl das Gefühl, es nicht mehr hinzubekommen.

        Stimmt, auf die schnelle ist es nicht einfach einen Therapieplatz zu bekommen. Und selbst wenn, müsstest du dich ja schon freiwillig einweisen lassen; der Psychotherapeut an sich kann ja niemanden 24/7 überwachen…. Gerade die Phase, in der die Medis endlich den Antrieb steigern, aber die Gedanken noch recht negativ sind, muss ja sehr schlimm und suizidlastig sein…

  4. Das ist ein schwieriges Thema …

    Ich beführworte Selbstmord | Suizid nicht, verstehe allerdings (und sehe 1.000 Gründe), warum man sich dafür entscheidet.

    Richtiger ist es in meinen Augen, sich dagegen zu entscheiden.

    Worüber ich mir noch im Klaren werden muss ist, welche Meinung ich bezüglich der Veröffentlichung eines solchen Abschiedsbriefes habe.

    Die Frage meine ich ganz neutral: Hat der Verfasser sein Leben wirklich beendet? Es könnte doch sein, dass im doch noch Hilfe zuteil wurde!?

    1. Wie gesagt, ich kannte ihn nicht, aber die, die ihn kannten schrieben Nachrufe… Also fürchte ich, stimmt das wohl.

      Sich für das Leben zu entscheiden, macht aber eben nur Sinn, wenn es in den Augen des Betroffenen auch noch lebenswert ist. Und machbar.
      Ich glaube es gibt den Punkt, da geht es einfach nicht mehr. Weil Du keinen Ausweg siehst und müde bist – lebensmüde.
      Ich kann das nachvollziehen.

      Er erklärt ja, warum er den offenen Brief gewählt hat und wenn das Bloggyversum ein „realer“ Ort ist, warum nicht.
      Depressionen und generell psychische Erkrankungen sind noch viel zu sehr Tabu-Thema. Auch das weiß ich von mir selbst, die Angst vor der Reaktion anderer ist zu groß. Oft ist man nicht in der Lage Gedanken oder Verhalten zu erklären, also zieht man sich zurück. Das ist eine endlose Spirale.
      Deswegen der Appell zu mehr Gemeinsamkeit, Mitgefühl und Verständnis – so interpretiere ich das.

      1. Wie ich schrieb – es gibt nachvollziehbare Gründe, mit dem eigenen Leben abschließen zu wollen. Chronische starke Schmerzen, um ein Beispiel zu nennen.

        Ich habe immer noch keine Meinung zur Veröffentlichung. Aber ein komisches Gefühl im Bauch. Vielleicht ist der Gedankengang so: Wenn er in der Lage war, solch einen Brief zu schreiben, seine Situation zu reflektieren, die Aussichtslosigkeit; und einen Appell an die Leser zu richten – wieso konnte er dann nicht eben doch (weiter? Ich kenne die Vorgeschichte nicht) Hilfe suchen? Die große Verzweiflung bekomme ich in meinem Kopf mit der Tonalität des Briefes nicht in Einklang … keine Ahnung, ich kann es gerade nicht besser formulieren.

  5. Dein Absatz vor dem letzten Bild ist so zutreffend.

    Ja, viele stellen sich Ihren Problemen nicht. Und weichen aus, dass denke ich auch. Und mMn ist Selbstmord durchaus ein Ausweg – nur eben keine Lösung für die Probleme. Und er ist leider ein Einbahnstraße.

    Und um die Lösung der Probleme geht es. Und die scheint manchmal oder dann wohl eher oft unmöglich. Und es ist dann nicht jedermanns Sache, weiterzukämpfen,wenn es sinnlos scheint. Kenne ich zu gut.

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