Noch da?

Noch da?

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So eine einfach gestellte Frage (von Herrn Ednong, danke für’s nicht vergessen 🙂 ) und gleichzeitig eine so komplexe, wenn man sie beantworten möchte.

Fangen wir also damit an, dass ich lebe… also „noch da bin“ …
Und das auch nicht zwingend schlecht. Allerdings hatte ich mir das irgendwie nach Ende der Therapie anders vorgestellt. Wie kann ich gar nicht sagen, schlichtweg anders.

Was habe ich also in der Zwischenzeit so angestellt?

Weiter bearbeitet, was da so mit mehr als 40 Jahren Leben auf dem Weg rumliegt.

Meine Familie – also Mutter, Vater, Bruder und dann die nächsten Ebenen.
Mutter: Weiterhin kein 100% entspanntes Verhältnis, aber es wird besser. Anders aber besser. Auch sie hat ihre schlechteren Tage, dann bin ich froh, dass ich mittlerweile auf Distanz gehen kann. Aber Nähe möchte ich momentan auch nicht zwingend. Das schlechte Gewissen, wissend, dass sie nicht jünger wird… joah, das beschäftigt.

Mein Vater: Bei mir hat er es momentan aufgegeben. Über meine Mutter bekomme ich immer wieder mit, dass er wohl leidet und nicht weiß, was er machen soll… joah, das interessiert mich tatsächlich nicht mehr.

Mein Bruder: Eine seltsame Pflanze, die ich ganz amüsant finde und mich freue, wenn sie mal wächst. Und wenn sie mal wieder stagniert, ist es auch okay, immerhin stirbt sie nicht.

Rest der Familie: Kann ich weiterhin nicht nachvollziehen, muss ich aber auch nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass da nichts passiert, wenn ich mich nicht bewege und ich sehe dazu keine Veranlassung.

SO.

Die größte Veränderung (meines Erachtens) habe ich mit Ende der Therapie im Job gemacht. Ich habe über 2 Jahre gekämpft für „Gehörtwerden“, habe mich selbst ernst genommen und für mich gekämpft. Ich glaube, dass ich sehr unangenehm war aber leider eben auch sehr gut 🙂 Sowas hätte ich früher nicht gedacht, geschweige denn „gesagt“. Heute kann ich das, weil es wahr ist. Ich kann was und das sollte man auch mal wertschätzen.

Im Zuge dieser Kämpfe wird die Doppelt-bis-Dreifach-Belastung auf meinem Job weniger und ich darf mich auf Firmenkosten fortbilden. Ich freue mich da drauf – mal wieder was lernen, so richtig mit Prüfung und Ziel… da freue ich mich drauf.

Ich habe auch Frieden mit meinem Zweitjob gefunden und mit meiner Kollegin einen schönen Deal ausgehandelt, der einiges an Spannung rausnimmt und es mir erlaubt, dennoch weiterhin Theaterluft schnuppern zu können, wenn ich es denn möchte.

Außerdem mache ich für einige Freunde Website und SocialMedia-Support für deren Hobbies – das ist sehr erfüllend und macht Spaß.

Ich habe mich auch einfach mal spontan auf was beworben, wo ich früher nie gedacht hätte, dass ich gut genug bin… und habe auch ein Angebot erhalten. Das Ganze ist „nur“ Minijobbing, aber egal – es macht Spaß und bringt Anerkennung.

Und mich einem meiner größten Wünsche entgegen: Dem Befreien meiner Existenzängste.

Ich möchte mir ein finanzielles Polster schaffen, damit ich „frei“ sein kann und nicht aus Angst in einem Job bleibe… DAS ist ein sehr großer Wunsch 🙂

Generell Ängste bekämpfen ist ein gutes Thema, wo ich seit Ende der Therapie SEHR große Fortschritte gemacht habe.
Bis auf wenige Ausnahmen bin ich ein großer Hundefreund geworden. Die Hunde meiner Freunde lieben mich und ich sie… ich denke mittlerweile sogar, dass ich irgendwann selbst einen haben werde… das wäre zumindest ein Wunsch.

Verlustängste gibt es kaum noch, zumindest nicht so, dass sie mich lähmen oder Dinge machen lassen, die ich eigentlich nicht möchte.

Das mussten einige Freunde leider sehr schnell lernen, denn mittlerweile kann ich auch ganz gut Freundschaften adé sagen, wenn sie mir nicht gut tun. Ich finde das nicht schön und mache das weiterhin nicht gerne, aber ich möchte mich auch nicht immer über etwas ärgern oder aufregen müssen. Vor allem möchte ich bei meinen Freunden einfach „ich“ sein dürfen.

Ein Thema, wo ich nicht weiterkomme und ja, dass hat sicher auch mit Ängsten zu tun, ist das Thema Liebe/Beziehung und damit eben auch Sex.
Da war mal was, ne? Thematisch war das ja hier mal angesiedelt.

Leider nein – nichts davon. Die Erfahrungen der letzten Jahre sitzen wie sehr feste Angstaffen auf meiner Schulter. Das Vertrauen, dass ich aus Verzweiflung Menschen entgegengebracht habe, das mich fast niedergestreckt hat … das behalte ich erstmal für mich.
Den ein oder anderen der Männer sehe ich noch und die können mir nicht in die Augen schauen – und ich lege auch keinen Wert mehr darauf.
Kein Schreien, Toben oder zur Rede stellen ändert etwas an den Rissen, die in mir entstanden sind und die ich leider noch nicht kitten konnte.

Es gibt zwei Männer, die aus dieser Phase noch manchmal da sind: R. und der Leinenmann…
Letzterer ist eine permanente Erinnerung für mich, ähnlich wie der Chip der AA, nicht rückfällig zu werden. Und die Entwöhnung an dieser Stelle ist stetig fortschreitend.
R. ist in einer glücklichen Beziehung und das ist für ihn wunderschön und für mich eben keine Option (mehr) 🙂

Damit das nicht zu verbittert klingt – es ist wirklich schön, dass beide noch in meinem Leben sind – sie haben durchaus ihre Qualitäten. Und R. ist hoch anzurechnen, dass ihn auch monatelange Stille nicht davon abhält, immer mal wieder anzustupsen 🙂

Bis dato hat mich tatsächlich kein Mann soweit interessiert, dass ich es riskiert habe, mich interessiert zu zeigen.

Was sicher auch mit meiner Selbstliebe und Selbstakzeptanz zu tun hat – DAS ist nämlich noch das allergrößte Stück Arbeit – Work in Progress…
Ich sehe weiterhin nicht direkt in den Spiegel sondern nur so vorbei… Ich hahbe voll viel Spaß am Sport, gehe 2-3 Mal die Woche in ebendiesen …. und bin dann immer wieder erschrocken, wenn ich mich auf Film- oder Fotoaufnahmen meiner Trainer entdecke. Eigen- und Fremdbild weichen da doch sehr auseinander.
Ich habe noch ein paar offene Punkte, wo ich noch Hoffnung habe und Hilfe erwarten kann… vielleicht. Aber eigentlich möchte ich es so gerne selbst schaffe… aber das eben möglichst ohne in die alte oder eine andere Ess-Störung reinzuschlittern.
„Du musst es nur wollen und für Dich machen“ … „Disziplin“…. ich höre es schon wieder und möchte eben genau das nicht. In die Abwärtsspirale rein geraten, weil ich eben nicht, wie eine Freundin von mir, 30 kg abnehmen kann und dann den Rest meines Lebens Kalorien zählen werde… Kein Essen geht vorbei, wo nicht gefragt wird, was die Zutaten sind, wieviel Gramm davon drin sind und welches Mehl verwendet wurde… uiuiuiuiuiiii
Wie gesagt: Dieses Thema birgt noch VIEL Potential 🙂 Da kann ich mich noch eine Weile abarbeiten.

Also, lieber Ednong, ich hoffe, dass ich Deine Frage ein bißchen beantworten konnte.

Ich mache keine weiteren Versprechungen, dass die Freitagsposts wiederkommen oder so – aber ich hätte schon noch ne Menge Musik zu teilen 🙂